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Konkurrenz belebt das Geschäft! Oder lässt das Geschäft die Konkurrenz aufleben?

geschrieben am 26.08.2009 in der Kategorie Einzelhandel,Strategie, Markt und Vision,Uncategorized von christian.pilgrim

Wer kennt sie nicht. Deutsche Innenstädte, deren Blüten früherer Jahre längst verwelkt sind und deren einstiger schneller Puls zu einem gemächlichem Traben verkommen ist. Leerstehende Geschäfte, teilweise an Ruinen erinnernd, säumen weite Straßenzüge. Fensterscheiben überlappende, oft von Hand geschriebene, Plakate bestimmen das Stadtbild. Die Aufschrift: vornehmlich „Räumungsverkauf“ oder auch „Geschäftaufgabe – alles muss raus!“. Kleine Einzelhändler haben es in modernen Einkaufswelten immer schwieriger, ihre Kosten mit Einnahmen zu decken und ein entsprechendes Auskommen zu erzielen. Schuld, so wird in solchen Situationen gern proklamiert, sind große Handelsketten sowie die junge Generation und deren Affinität für den günstigen Kauf im Internet. Aber auch die seit etwa den 80er Jahren fortschreitende Verbreitung von großen Shoppingzentren, vornehmlich außerhalb der Städte, möglichst nah am Puls der hoch-frequentierten Autobahnen, sind ein Grund für den Niedergang kleiner bis mittelgroßer Städte und ihrer Fußgängerzonen. Doch sind dies die wirklichen Gründe für die Probleme kleinerer Geschäfte? Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo in der Mitte.

Räumungsverkauf in deutschen Innenstädten

Räumungsverkauf in deutschen Innenstädten

Der Anteil der Einzelhandelsausgaben am Konsum der Haushalte sank seit Mitte der 90er Jahre kontinuierlich. Er liegt bei etwa 30 Prozent. Zudem ist die demographische Entwicklung in Deutschland ein entscheidender Faktor. Geburtendefizite und ein Rückgang von Wanderungs-gewinnen sorgen für eine Schrumpfung der deutschen Bevölkerung: laut Statistischem Bundesamt um 2 Prozent bis zum Jahre 2020. Faktisch bedeutet dies einen Verlust von 1,7 Millionen Menschen allein auf deutschem Bundesgebiet – und damit eines einzelhandelsrelevanten Kaufkraftpotenzials von rund 8,7 Mrd. Euro. Was oft vergessen wird: die Entwicklungen verlaufen regional höchst unterschiedlich. Wachstumsregionen wie München, Stuttgart und das Rhein-Main-Gebiet sind weniger betroffen als Schrumpfungsregionen wie beispielsweise das Ruhrgebiet, das Saarland oder weite Teile Ostdeutschlands. Trotzdem steht der real rückläufigen Umsatzentwicklung deutscher Einzelhändler ein Wachstum der Verkaufsflächen gegenüber. Seit 1980 hat sich die Verkaufsfläche im deutschen Einzelhandel auf inzwischen rund 120 Millionen Quadratmeter mehr als verdoppelt.

Die größte Gefahr für kleinere innerstädtische Einzelhändler geht jedoch von deutschen Einkaufszentren aus. 1964 eröffnete das erste von ihnen in Sulzbach bei Frankfurt am Main („Main-Taunus-Zentrum“). Mittlerweile sind es deutschlandweit etwa 560 Konsumtempel, die kleineren, oft inhabergeführten, Geschäften in den Innenstädten nicht nur Kunden, sondern auch Kaufkraft und Beschäftigung abziehen. Die Attraktivität deutscher Stadtkerne vergeht zunehmend und führt in umliegenden Städten zu verminderten Gewerbesteuereinnahmen. Schätzungen zu Folge müssen allein im Jahr 2009 etwa 5.000 deutsche Händler ihr Geschäft aufgeben. Zur letzten großen Neueröffnung einer Shopping Mall in der Frankfurter Innenstadt, der „My Zeil“, strömten allein in den ersten 45 Minuten etwa 15.000 Besucher in die Läden.

Doch wie die kürzlichen Entwicklungen der Weltwirtschaftskrise gezeigt haben, sind nicht nur kleine Händler von Umsatzeinbußen betroffen. Das Beispiel des Arcandor-Konzerns und seiner Warenhaus-Tochter Karstadt lässt erkennen, dass es auch bei großen Warenanbietern ein Umdenken in Bezug auf Angebot und Attraktivität geben muss. Die Schieflage des Konzerns wird dazu führen, dass dieser in der heutigen Form langfristig nicht mehr bestehen wird. Zu sehr wurden die Bedürfnisse und Ansprüche der Kunden vernachlässigt und somit das Feld den Angeboten der auswärtigen Shopping Malls und deren Handelsketten unfreiwillig überlassen. So setzte der Kunde verstärkt auf die Shopping-Möglichkeiten vor den jeweiligen Stadtgrenzen und verlagerte das Geschäft zunehmend aus den Innenstädten. Ausgenommen von diesem Trend scheinen etablierte Fachmärkte wie Expert , Möbelhäuser wie Höffner oder Baumärkte wie Obi. Sie sind auf ihre jeweiligen Nischen spezialisiert und der Kunde sieht hier bisher noch nicht von langen Anfahrtswegen ab.

Das Problem wurde von Städteplanern wie Center-Verantwortlichen erkannt, was in den letzten Jahren dazu führte, dass Einkaufszentren vermehrt in Innenstadt-Lage errichtet wurden. Schenkt man dem Deutschen Institut für Urbanistik Glauben, gibt es inzwischen etwa 400 dieser Shopping Malls in deutschen Innenstädten – Tendenz auf Grund des Erfolgs, übrigens auch in kleineren bis mittleren Städten, steigend! Die Verpflanzung des Konsums „von der grünen Wiese am Stadtrand“ zurück in die Herzen der Städte erscheint als erfolgreiche Strategie, auch den alteingesessenen Einzelhändlern in den Innenstädten wieder Kundschaft zu verschaffen. Ob es ihnen allerdings gelingt, Umsatzeinbußen zu kompensieren und ihr Angebot gegenüber der geballten Vielfalt der Shopping Malls zu behaupten, bleibt fraglich. Dies kann sicher nur mittels Diversifikation, Einzigartigkeit und besonderer Serviceleistungen zum Erfolg führen. Doch selbst dann werden langfristig nur einige wenige Geschäfte überleben. Die Wirklichkeit entspricht meist dem Szenario, nach dem die Mehrzahl der Kunden das jeweilige Einkaufszentrum mit dem Auto ansteuert, um es mit selbigem umgehened wieder zu verlassen, ohne je mit dem Rest der Innenstadt in Berührung gekommen zu sein. Dennoch heißen Kommunen die Malls stets willkommen und sehen in ihnen eine Rettung strukturschwacher Stadtzentren.

Europa-Passage in der Innenstadt Hamburgs

Europa-Passage in der Innenstadt Hamburgs

Der Hauptaspekt der Problembetrachtung aus Sicht moderner Konsumgewohnheiten besteht darin, dass sich Einkaufszentren durch flächendeckende Planbarkeit von Vorgängen, Strukturen und sogar Atmosphären seitens der „Center-Manager“ gegenüber Innenstädten als freies Konglomerat autarker Immobilienbesitzer und Einzelhändler durchgesetzt haben. Das Management der Center ist in der Lage, bestimmte Instrumente wie beispielsweise das Setzen von Mietanreizen oder der Beachtung psychologischer Aspekte der Point-of-Sale-Gestaltung den Erfolg des Standorts direkt zu steuern. Für die Geschäftsinhaber in Fußgängerzonen sind Absprachen und Kooperationen eher unüblich.

In den letzten Jahren haben Shopping-Center gar nochmals eine Weiterentwicklung erfahren. Der Einzelhandel wird immer häufiger mit Entertainment-Angeboten kombiniert. Diese sogenannten Urban Entertainment Center sollen dem Kunden weitere Anreize und den Centern somit eine erhöhte Frequentierung verschaffen. Wird also zukünftig der Großteil deutscher Innenstädte weiter veröden und damit Einzelhändlern das Überleben erschwert? Die Antwort zum gegenwärtigen Zeitpunkt lautet: Ja, ganz sicher! Doch sind auch Einzelhändler ihres eigenen Schicksals Schmied. Sie müssen den Kunden innovative Alternativen sowie unverwechselbare persönliche Serviceleistungen anbieten, um sich vom Konsumkuchen ein möglichst großes Stück abschneiden zu können. Konsumenten werden aus rationalen Gesichtpunkten immer dort einkaufen, wo sie ihr persönliches Preis-Leistungsverhältnis erfüllt sehen. Um dem Kunden dieses zu liefern, erfordert es vom kleineren Einzelhändler im Stadtkern sicherlich höhere Anstrengungen, als vom Geschäftsführer einer Händlerkette in einem Einkaufszentrum. Doch letztlich ist dies der einzige Weg, die begehrte Gunst des Konsumenten zu gewinnen.

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